Was für ein befreiendes Gefühl!

Nachdem meine kleine Tochter aus dem Haus ist kann ich den Luxus genießen, mich einfach noch einmal hin zu legen und die Ruhe des Tages auf mich wirken lassen.

Lange halte ich es allerdings nicht aus: immer wieder habe ich das Bild von dem schrecklichen Unfall vor Augen, dem ich diese Zwangspause verdanke. Voller Dankbarkeit denke ich an diesen Morgen zurück, denn dass meiner Kleinen und mir dabei nicht mehr passiert ist, ist wirklich ein Wunder. Schließlich verloren Menschen ihr Leben bei dem Aufprall des Autos auf unsere Straßenbahn. Meine Tochter blieb unverletzt und ich kam mit einigen schweren Prellungen davon. Deshalb beschließe ich, die Zeit zu nutzen und meine Frauenärztin zu besuchen.

Da die Wartezeit auch mit Termin eine Ewigkeit sein kann, mache ich mich an diesem Morgen unangemeldet und mit einem dicken Buch bewaffnet, auf den Weg. Wie erwartet war das Wartezimmer voll. Doch als jahrelanger Stammgast bei Frau Doktor - liebevoll von allen "Goldi" genannt - erhalte ich das Privileg auch ohne Notfall warten zu dürfen. Ca. 3 Stunden später bin ich an der Reihe und ich erkläre meiner Ärztin, wieso ich im Moment Zeit habe und mir den Luxus erlauben kann, unangemeldet wegen einem Krebsabstrich vorbei zu kommen.

"Na dann: ausziehen und auf den Bock! Du kennst Dich ja aus. Ich bin gleich bei Dir!" Kein Problem. Auf diesem Teil war ich während meiner Hormonbehandlung und meiner Schwangerschaften so oft, daß es schon fast ein zweites Zuhause für mich ist. Berührungsängste oder Scham habe ich schon lange nicht mehr in diesem Raum und vor dieser Frau.

Mir den Stuck an der Decke anschauend, liege ich mit geöffneten Beinen da und spüre, wie Goldi die Untersuchung an mir vornimmt. Doch irgendetwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Sie hält mittendrin inne und tauscht ihr Instrument gegen den Ultraschallstab aus. Damit bewaffnet nähert sie sich wieder meinem Körper. Anspannung ist auf ihrem Gesicht zu sehen, das gebannt den Monitor beobachtet. Langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. "Was ist los?" keine Antwort. Das ist nicht gut! Frau Doktor ist eine, die ihre Vorgehensweise immer sehr ausführlich und genau beschreibt. Das sie nun schweigt und ich nicht weiß, was mit mir los ist, läßt mich plötzlich die Kälte im Raum und die doch unangenehme Härte des Stuhls spüren.

Langsam öffnet sich ihr Mund, sie sieht mich entrüstet, fast böse an und sagt: "Also wirklich! Wissen sie, was sie sind Frau...?!"

Oh je... meine Gedanken überschlagen sich. Was hab ich die letzten Tage getan? Wie sah unser Sex aus? Irgendetwas ungewöhnliches, das sie mir immer noch ansehen könnte? Mit hochrotem Kopf liege ich vor ihr und kann nur ein "Nein. Was denn?" hauchen.

Langsam dreht sie nun den Monitor, damit ich ihn gemeinsam mit ihr betrachten kann. Meine Augen versuchen zu erkennen, was mich erwartet, bevor irgendeine niederschmetternde Nachricht von ihr kommen kann. Langsam glaube ich zu erkennen, was sie meint. Das kann doch aber gar nicht sein! In diesem Moment bestätigen ihre Worte meine Annahme: "Sie sind schwanger!"

Strahlend schaut sie mich an, während ich mich nur nach hinten fallen lassen kann um tief Luft zu holen. Ich kann es nicht glauben.

Doch dieses Bild auf dem Bildschirm habe ich schon öfter gesehen und mittlerweile kann ich die Aufnahmen schon sehr gut deuten. Und ja: ich bin schwanger - eindeutig. Der Raum um mich beginnt sich zu drehen, mein Puls rast und ich versuche eine Erklärung in meinem Inneren zu finden. Nach zwei Fehlgeburten vor einigen Jahren hatte mein Körper anscheinend mit diesem Thema abgeschlossen und nur durch eine anstrengende Hormonbehandlung kamen wir in den Genuß, unsere Tochter zu bekommen. Das es möglich war, ohne diese ganze Prozedur, auf ganz natürlichem Weg, wieder schwanger zu werden, diese Hoffnung hatte uns Goldi genommen. Die Untersuchungen damals bestätigten ihre Aussage. Und nun dies. Meine Ärztin strahlte deshalb fast genauso wie ich und beendete kurz darauf ihre Untersuchung. "Alles super! Zieh Dich an und dann reden wir." Im Gespräch wurde festgelegt, daß wir die Zeit meiner Krankschreibung nutzen würden, um die Entwicklung des Babys genau zu beobachten. Daher bekam ich an diesem Tag außer meinem Mutterpass auch einen Termin, der nur eine Woche später war, mit auf den Weg nach Hause.

Wie sag ich es nur meinem Mann? Warte ich, bis er abends von der Arbeit kommt oder rufe ich ihn gleich an? Meine Gedanken überschlugen sich. Was für eine Nachricht. Die Welt schien um einiges heller zu sein als noch vor Stunden. Trotz des kalten, ungemütlichen Herbstwetters lief ich mit einem strahlenden Gesicht die Straße entlang. Doch mein Verstand sagte mir auch, mich nicht zu freuen. Schon zwei Mal mußte ich durchleben, was es bedeutete, wenn nach der Freude die schreckliche Nachricht kommt, daß das Baby nicht mehr lebt und aus meinem Körper heraus muß. Das steh ich nicht noch einmal durch! Ein Zittern durchrieselte mich bei dem Gedanken an diese Möglichkeit. Doch der Paß in meiner Hand half mir, die Freude wieder Oberhand gewinnen zu lassen. Zu Hause angekommen saß ich kurz darauf am Tisch, das Ultraschallbild in der Hand und schaute mir an, was da in mir wuchs. Irgendwie sah es anders aus als in meiner Erinnerung, doch ich konnte nicht erklären, was es war. Egal, Goldi hatte gesagt, alles sei in Ordnung! Das Telefon riß mich aus meinen Gedanken.

"Alles in Ordnung? Was hat Goldi gesagt? Ich dachte, Du sagst Bescheid, wenn Du wieder zu Hause bist!" Mein Mann war leicht angesäuert. Sicher hatte er sich Sorgen um mich gemacht. Meine Beine wollten durch die Prellungen ab und an noch nicht so recht wie ich und aus diesem Grund hatte ich versprochen, mich zu melden. "Entschuldige! Es geht uns gut! Alles bestens!" Ich hielt den Atem an. Hatte er die Botschaft verstanden? Anscheinend ließ er meinen Satz gerade sacken, denn am anderen Ende der Leitung war es verdächtig still. "Sagtest Du gerade uns?" "Ja!" "Oh, das bedeutet genau was?" "Das ich schwanger bin!" "Von wem?" "Spinner! Von dir natürlich!" "Wow... das ist toll! Laß uns heut Abend darüber reden! Aber das ist Klasse!"

Die darauf folgende Woche war ein ständiges Auf und Ab von Hoffen und Bangen. Doch hätte ich geahnt, was mich beim nächsten Termin erwartete, ich wäre sicher nicht alleine hin gegangen, sondern hätte darauf bestanden, daß mein Mann mich begleitet.

Diesmal mußte ich nicht warten, sondern wurde ziemlich gleich ins Untersuchungszimmer gerufen. Und wieder hielt Frau Doktor mitten in der Untersuchung inne und machte so ein ganz eigenartiges Gesicht ohne etwas zu sagen! Wie ich das hasste! Ich muß wissen, wenn etwas nicht stimmt! Und wieder drehte sie langsam den Monitor in meine Richtung, diesmal jedoch mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht. "Da, schau selbst!" Genau das tat ich. Konnte es sein? Was meine Augen da erkannten, wollte mein Gehirn nicht verarbeiten: da blinkten zwei kleine Punkte! Fragend schaute ich Goldi an: "Das sind zwei." Was für ein geistreicher Satz! Doch mehr brachte ich einfach nicht zu Stande. "Oh ja. Ich habe mich nur davon überzeugt, daß es nicht mehr sind! Eindeutig zwei Babys da in deinem Bauch!"

Diese Nachricht mußte ich erst einmal akzeptieren. "Wieso haben wir das nicht schon letzte Woche gesehn?" "Anscheinend hatte sich da jemand versteckt. Außerdem habe ich da nicht so intensiv geschaut, wie heute." Lachend schaut sie mein sicher nicht sehr intelligent aussehendes Gesicht an. Anscheinend kann sie auch noch Gedanken lesen, wie mich ihre nun folgende Aussage vermuten läßt: "Keine Sorge! Es werden jetzt nicht von Termin zu Termin eins mehr! Es sind Zwillinge! Herzlichen Glückwunsch!"

Regelmäßige Arztbesuche füllten meine Tage aus, denen ich immer mit Freude entgegensah. Die von mir so gefürchteten ersten 8 Wochen waren vorüber und auf den Ultraschallbildern waren immer deutlicher die Kinder zu erkennen. Was für eine wundervolle Zeit!

An diesen Gedanken gewöhnten wir uns recht schnell und minderte unsere Freude nicht im Geringsten. Allerdings war mir sehr schnell anzusehen, daß mit meinem Körper eine Veränderung vor sich ging. Ich konnte mich nicht erinnern, daß die letzte Schwangerschaft meinen Körper so schnell ausdehnte. Bald schon mußten die ersten Hosen in erweiterbarer Größe her. Wir begannen, uns verschiedene Wohnungen anzusehen, denn ich hatte mir gewünscht, umzuziehen, bevor die Babys, Mitte Juli, geboren werden.

Alle teilten unsere Freude und die guten Wünsche prasselten nur so auf uns herein.

Leicht getrübt wurde die Situation durch eine Unregelmäßigkeit, die Goldi zum Anfang der 11. Schwangerschaftswoche (SSW) feststellte. Anscheinend war mit einem der Babys etwas nicht in Ordnung! Bei jeder Untersuchung versuchte sie beide Kinder genauestens zu erkennen, zu vermessen und ihren Entwicklungsstand festzustellen. Doch das Baby, daß im unteren Bauchteil lag wollte partu nicht untersucht werden. Immer wieder konnten nicht alle Gliedmaßen oder auch mal die Herztöne ermittelt werden.

Zur Sicherheit erhielt ich eine Überweisung ins Krankenhaus. Dort habe man genauere Ultraschallgeräte, da man in diesem Stadium noch keine Feindiagnostik - ohne konkreten Verdacht - durchführen konnte. Die Kosten würden von der Kasse noch nicht getragen, da noch zu ungenau. Doch die Spezialgeräte im KKH sollten schon Aufschluß genug geben, ob alles ok sei oder doch ein begründeter Verdacht eines Defektes vorlag.

Bangen Herzens machte ich mich auf. Meine Freundin begleitete mich und versuchte mich so gut wie möglich zu beruhigen und abzulenken. Noch heute habe ich diesen hässlichen, unpersönlichen Raum vor Augen, in dem ich untersucht wurde. Goldi hatte in ihrem Bericht genauestens geschildert, um was es ging. Zwei Ärzte machten Bilder per Ultraschall, die sie dann gemeinsam auswerteten. Danach kamen sie zu mir und zeigten mir zwei Bilder, auf denen je ein Baby zu sehen war. "Alles ok! Herztöne beider Babys regelmäßig und alle Gliedmaßen deutlich erkennbar! Kein offener Rücken erkennbar!" Was für eine Erleichterung! Und doch... das beunruhigende Gefühl blieb.

Auch Frau Doktor stand dieser Auswertung skeptisch gegenüber und verordnete deshalb sofort für den Beginn der 14. SSW einen Termin zur Feindiagnostik.

An dem Wochenende vor dem 14. Januar, der Tag, an dem ich den Termin hatte, besuchte ich meine Schwiegereltern zusammen mit meiner Tochter. Wir hatten viel Spaß und die Ablenkung tat mir ungeheuer gut. Doch, als ich abends in meinem Bett lag war da diese tiefe Angst und ein unbeschreiblich, trauriges Gefühl.

Montag früh. Die Schwester empfing mich freundlich in einer hellen Praxis. Einige Frauen und Pärchen waren schon im Wartezimmer - ich war die einzige Frau, die alleine zur Untersuchung kam. Eine Frau, Anfang 40 schätzte ich, fiel auf, da sie anscheinend einen geistigen Mißstand hatte, wie an ihrer Art und Weise sowie an ihren Fragen und Erzählungen zu merken war und die mit ihrer Betreuerin im Zimmer saß. Doch total lieb schien sie und voller Angst - genau wie ich. Ich weiß nicht, was es war und warum sie gerade mich für ihren Redeschwall erwählt hatte. Die Betreuerin war anscheinend froh darüber und widmete sich ganz einer Frauenzeitschrift, die im Wartezimmer auslag. Und die anderen Anwesenden schauten demonstrativ aus dem Fenster, als sie begann mit fragenden, flehenden Augen einen nach dem anderen anzusehen und immer wieder leise etwas vor sich hin sprach. Aufmunternd lächelte ich ihr zu. Ein Strahlen erschien in ihren Augen, als sie sich leicht nach vorn beugte und mir in leisen, abhackten Sätzen von ihrem Kummer und gleichzeitiger Freude berichtete.

Sie hatte einen Freund im Heim. Ihren ersten festen Freund! Sie wohnten seit kurzem zusammen und nun war sie schwanger! Wie ihre Augen leuchteten bei ihren Worten! Kurz danach schien ihr ganzer Körper in sich zusammenzufallen und sie hielt voller Angst eine Hand auf ihren Bauch. Das der Herr Doktor eine ganz bestimmte Untersuchung vornehmen wollte. Er hatte ihr das beim letzten Mal erklärt. Eine Nadel sollte in ihren Bauch und er muß ganz doll aufpassen, daß er das Baby nicht trifft und es ist ganz fürchterlich gefährlich und sie hat so schreckliche Angst vor der Untersuchung. Ich versuchte einfach formulierte Fragen zu stellen und erfuhr, das eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht werden sollte. Sie vergaß das Wort immer, weil es so schwer war. Obwohl ich selbst zitternd vor Angst neben ihr saß, schaffte ich es irgendwie ihr fest in die Augen zu schauen und ihr zu sagen, daß der Doktor das schon ganz oft gemacht hat und bestimmt ganz vorsichtig ist. Sie ihm vertrauen konnte - ihrem Kind und ihr würde nichts passieren! Und mit ganz viel Glück wüßte sie danach, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen bekommen würde. Bestimmt würde sich ihr Freund über die Nachricht freuen! Wo kamen nur diese Worte her? Ich kannte den Doktor doch gar nicht. Doch sie beruhigte es. Nach unserem Gespräch saß sie strahlend auf ihrem Stuhl und streichelte ihren Bauch, ganz in Erwartung an die Untersuchung.

Als sie aufgerufen wurde stellte ich plötzlich fest, daß auch alle anderen Patienten zwischendurch bei ihren Untersuchungen gewesen waren. Ganz allein mit meiner Angst saß ich dort und harrte der Dinge. Die Tür zum Wartezimmer öffnete sich noch einmal kurz und die Frau schaute zu mir herein. Als die Betreuerin versuchte, sie davon abzuhalten genügte ein böser Blick um ihr Vorhaben doch durchzusetzen. Sie strahlte mich an und sagte: "Es ist alles in Ordnung! Es wird ein Junge! Der Doktor ist ganz lieb - du brauchst keine Angst zu haben!"

Wie sehr mir nun ihre Worte halfen.

Mit zitternden Knien betrat ich das Behandlungszimmer.

Es war ganz anders eingerichtet als das von Goldi: mit freundlichen Farben, einem Schreibtisch hinter dem jetzt ein Mann mittleren Alters aufstand und freundlich lächelnd auf mich zu kam. Nach einem kurzen Gespräch bat er mich, auf einer Liege in der Mitte des Raumes Platz zu nehmen. Nachdem ich dort lag, den Bauch befreit von lästigen Klamotten, holte er per Knopfdruck einen riesigen Monitor von der Decke. Dieser war so platziert, daß ich bequem das Bild erkennen konnte. Gespannt sahen wir dem entgegen, was der Ultraschall von meinem Bauch zu erkennen gab: bunte, ungewohnte Bilder erschienen, als das Gerät begann zu übertragen. Der Doktor sagte kein Wort sondern schaute sich die Bilder an, bewegte den Stab mal hier, mal dorthin. Nach und nach konnte ich die einzelnen Bereiche unterscheiden. Leicht zu erkennen waren die beiden Körper der Babys. Doch was gänzlich fehlte, waren die blinkenden Punkte, die die Herztöne aussenden sollten. Nach und nach kam in mein Bewußtsein, was das bedeutete. Es waren keine Herztöne zu sehen, weil die Kinder nicht mehr lebten!Heiß liefen mir die Tränen über die Wangen. Ich konnte und wollte sie nicht aufhalten.

Der Doktor beendete seine Untersuchung und säuberte stumm meinen Bauch. Dann sah er mich an und sagte: "Ich sehe, sie wissen Bescheid. Es tut mir leid! Gehen sie doch bitte nach nebenan und weinen sie sich aus. Sobald sie denken, es geht, müssen wir reden!"

Ich weiß nicht, welche Zeit verstrich, während ich im Nebenraum auf einer Trage lag und weinte. Einfach nur weinte um meine Kinder.

Danach setzten wir uns zusammen und der Doktor erklärte mir einige Dinge, die in meinem Körper vor sich gegangen waren:

"Die Kinder sind eineiige Zwillinge. Mädchen. Bei den Beiden liegt ein sehr seltener Defekt vor, den es nur bei eineiigen Zwillingen geben kann: nur ein Baby ist direkt mit der Mutter verbunden und gibt die Nährstoffe über eine Art Nabelschnur an sein Geschwisterkind weiter. In ihrem Fall hat es das nicht mehr geschafft. Deshalb haben die Beiden nicht überlebt. Allerdings war auch zu erkennen, daß das eine Baby - wie von ihrer Frauenärztin bereits vermutet - einige schwere Defekte hatte und daher nicht lebensfähig gewesen wäre."

Hörte ich mir diese Erklärungen wirklich an?

Eineiige Mädchen. Wie sehr mein Mann sich solch ein Zwillingspärchen gewünscht hatte. Doch der Doktor hatte gerade gesagt, daß eins so schwer krank war, daß es nicht überlebt hätte. Wie schrecklich! Wie konnte das passieren?

"Schade, daß ich sie nicht eher untersuchen konnte! Es bestand die Möglichkeit, die Kinder im Mutterleib zu trennen und somit eins der Beiden lebend zur Welt zu bringen. Verwunderlich, daß man die Eineiigkeit bei der Untersuchung im Krankenhaus nicht festgestellt hat. Dann hätte der Verdacht auf diesen Defekt bestanden und die Krankenkasse hätte die Untersuchung bei mir oder einem Kollegen bezahlt."

Er redete und redete. Ich verstand nur, daß man im Krankenhaus gepfuscht hatte und ich deshalb beide Kinder verloren hatte.

"Sie müssen zur Ausschabung. Möchten sie heute noch oder morgen?"

Mit verweinten Augen sah ich ihn an und erklärte, daß es heute ungünstig wäre, da erst eine Betreuung für meine Tochter organisiert werden müsse. Kurz telefonierte er, sagte mir wann ich mich wo zu melden hatte und dann war ich entlassen.

Da ich noch auf die Untersuchungspapiere warten mußte, ging ich ins Bad der Praxis um mich etwas frisch zu machen. Mein Kummer sollte keine anderen zukünftigen Eltern verschrecken. Doch am Waschbecken versagten meine Beine und schließlich saß ich zusammen gekauert in einer Ecke und ließ meinen Gefühlen freien Lauf. So weit es ging. Gerne hätte ich gebrüllt und etwas zerschlagen, irgend jemand verantwortlich dafür gemacht oder mich einfach nur festhalten lassen.

Nach einer kleinen Ewigkeit kam ein Gefühl der Kälte in mir auf und ich fühlte mich tot und leer - ich erhob mich, wusch mein Gesicht und holte meine Papiere bei der Schwester ab.

Auf dem Nachhauseweg versuchte ich schon alles für den morgigen Tag zu organisieren. Dazu zählte auch, meinem Mann und einigen anderen aus der Familie zu erzählen, was passiert war. Alle waren erschüttert, versprachen zu helfen, so gut es ging. Doch niemand konnte mir den Schmerz nehmen. Wie auch?

Die Zeit bis zu meiner Untersuchung am nächsten Morgen erschien mit kurz, wie durch einen Schleier beobachtete ich die Prozedur, an die ich schon vor Wochen voller Angst gedacht hatte: Blut abnehmen, gynäkologische Untersuchung mit anschließender Rasur, Fragen über Fragen, die ich beantworten mußte.

Dann führte man mich in mein Zimmer. Anscheinend wohnte ich hier alleine. Mir war alles recht. Schließlich rechnete ich damit, daß der Ablauf so sein würde, wie ich es schon zwei Mal erleben mußte: Beruhigungstablette, OP, Ausschabung, Aufwachen, nicht mehr schwanger - nur noch traurig sein...

Als ich irgendwann in diesem Bett lag, wurde mir bewußt, daß meine Mama bei mir war. Wie lange schon? Ich wußte es nicht. Nur weinen konnte ich. Wo kamen nur diese ganzen Tränen her?

Nach einer Weile - Minuten, die zu Stunden geworden waren - durchzog plötzlich und unerwartet ein Schmerz meinen Körper, der mich schier zu zerreißen drohte. Was war das? So plötzlich er kam, so schnell war er verschwunden. Doch nur für eine kurze Zeit! Wieder und wieder durchbrach eine Schmerzenswelle meine Ruhe.

"Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, es sind Wehen!" Meine Mama schaute mich erstaunt an und dann riefen wir die Schwester. Diese kam zusammen mit einer jungen Ärztin kurze Zeit später zu uns.

"Fein. Anscheinend geht es endlich los!"

"Was geht los?" Fragend und ängstlich schaute ich sie an. "Oh. Hat man ihnen nicht gesagt, daß sie die Kinder bekommen müssen? Sie sind schon zu groß, um sie bei der Ausschabung entfernen zu können! Deshalb haben wir ihnen vorhin eine wehenfördernde Tablette eingeführt! Ich bin davon ausgegangen, sie seinen darüber informiert."

Nur den Kopf schütteln konnte ich. Vielleicht hatte wirklich jemand etwas derartiges gesagt - ich konnte mich nicht entsinnen.

Weinend klammerte ich mich an meine Mama. Doch selbst diesen Trost nahm man mir, da sie aufgefordert wurde, das Krankenzimmer nun zu verlassen.

Da lag ich nun.

Allein.

Weinend.

Ängstlich.

Mit Schmerzen, die ich bei der Geburt meiner Tochter noch heraus schreien konnte. Doch hier unterdrückte ich sie: ich lag auf der "normalen" Frauenstation - was für Angst andere Patientinnen bekommen würden, wenn plötzlich Geburtsschreie zu hören waren!

Also versuchte ich eine einigermaßen angenehme Liegeposition zu finden und drückte mein Gesicht in meine Kissen. Es tat so weh. Körperlich und seelisch. Wäre es eine normale Geburt, müßte ich das hier jetzt nicht allein durchstehen. Warum kam nicht einmal eine Schwester?

In einer Wehenpause schaffte ich es, meinen Mann telefonisch auf Arbeit zu erreichen und ihm kurz zu schildern, was los ist. Er versprach, so schnell wie möglich zu mir zu kommen.

Ich hielt es nicht für möglich, doch plötzlich steigerte sich der Schmerz noch. Er zwang mich, mich in eine sitzende Position zu bringen und die Beine anzuwinkeln. Was sollte ich nur tun? Die Schwester rufen? Sie hatte vorhin schon einen genervten Eindruck gemacht, als ob sie darüber verärgert wäre, daß ich hier auf ihrer Station lag und ihren Tagesablauf durcheinander bringen würde.

Der Schmerz wurde unterbrochen von einem kurzen, ruckartigen Drücken. Dann war ich schmerzfrei und ich spürte, wie etwas aus mir glitt. Mein Blick wanderte an mir herunter, doch die darüber geschlagene Decke versperrte mir den Blick auf das, was gerade eben meinen Körper verlassen hatte. Zitternd und weinend lag ich dort und wunderte mich, daß die Zeit weiter lief. Das nicht alles um mich herum einstürzte - obwohl ich doch genau dieses Gefühl hatte.

Meine Hand suchte den Rufknopf und kurz darauf erschien die Schwester. Sie hob die Decke, schaute mich kurz an und verschwand wortlos wieder. Nur um mit einem Schieber wieder zu kommen und mein Baby mit zu nehmen. Auch während dieser Prozedur redete sie nicht mit mir.

Erst, als sie mit leeren Händen wieder an meinem Bett stand, fand sie Worte an mich: "Eine ganz schöne Sauerei! Wir müssen das Bett neu beziehen! Unterstützen sie mich, indem sie sich entsprechend drehen!" Erstaunt sah ich sie an. Ich versuchte, ihren Wünschen gerecht zu werden, doch plötzlich waren da wieder nur Tränen und ich war nicht mehr in der Lage, irgend etwas zu tun.

"Ist ja schon gut, sie haben es doch geschafft! Und so schlimm war das Betten machen danach doch auch wieder nicht!" Das sagte sie nicht wirklich zu mir! Mit großen Augen sah ich die Frau an: "Geschafft? Da kommt noch eins!" Ich rief ihr diese Worte zu und sie nahm sich mit erstauntem Blick meine Akte um nachzulesen, was ich versucht hatte zu sagen. Ihre Augen änderten sich und sie schaute mich - nun doch bedauernd - an, verließ aber stumm das Zimmer.

Wieder war ich allein. Schmerzfrei, doch darauf wartend, daß auch das zweite Mädchen seinen Weg gehen würde.

Leise öffnete sich meine Zimmertür und mein Mann huschte leise herein. "Ich kann nur kurz bleiben! Eigentlich durfte ich nicht zu dir, wegen der Geburt, doch die Schwester hatte ein Einsehen und nun bin ich hier. Wie geht es dir?" In kurzen Worten erzählte ich, was passiert war, bis plötzlich der Schmerz wieder einsetzte. Er blieb noch kurz, doch dann war ich wieder - einmal - allein.

Die Geburt verlief wie die erste: der Schmerz schwoll an und nach einem Drücken und Ziehen war alles vorbei. Ich klingelte nach der Schwester und diesmal hatte sie das entsprechende Instrument gleich dabei. Anders war nur ihr entsetzter Blick auf das Baby - der Doktor hatte ja gesagt, daß es mißgebildet wäre. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet. Sie brachte es heraus und wieder bezogen wir stumm das Bett neu.

Immer noch weinend drehte ich mich danach um und wollte nur noch alleine sein. Doch selbst dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt: die Ärztin kam, untersuchte mich kurz und erklärte, daß nun noch die Ausschabung unter Vollnarkose auf dem Programm stehe. Wie sehr ich mir in diesem Moment wünschte, danach nie wieder aufwachen zu müssen. Nie mehr denken, nie mehr diesen Schmerz und Kummer spüren müssen. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.

Als ich erwachte war es dunkle Nacht, mir tat der Unterleib weh und sobald in meinem Bewußtsein ankam, wo ich mich befand und weshalb liefen mir wiederdie Tränen über das Gesicht. Nun war es also vorbei. War es mir wirklich nicht bestimmt, noch einmal Mutter zu werden? Was war mit meinen Kindern? Wo waren sie? Ich habe es nie erfahren.

Ich stand auf, wusch mich kurz am Waschbecken und schaute mein verweintes Gesicht an. Eigenartig - es fühlte sich an, als ob es eine einzige offene Wunde wäre, doch es war nichts zu erkennen. Die Nachtschwester kam kurz zu mir und sagte mir in einem liebevollen Ton, sie wäre immer in meiner Nähe und wenn mich etwas bedrückt oder schmerzt, solle ich mich melden. Egal wann. Ich war ihr dankbar, wenn ich auch wußte, daß ich sie nicht mit meinem Kummer belasten würde.

Lange lag ich wach in dieser und in den nächsten Nächten. Dachte nach und weinte, spürte den Schmerz über den Verlust der Kinder. Oft hatte ich ihr Weinen im Ohr, obwohl ich es nie vernommen habe. Nach und nach ließ das nach und nun nach sechs Jahren ist es eher selten, daß ich sie höre und spüre. Doch sie sind immer gegenwärtig. Sie sind ein Teil von mir.

Und am 15. Januar - ihrem Geburtstag - sind sie mir näher als zu jedem anderen Zeitpunkt. Da brauche ich viel Zeit für sie und mich, die Erinnerung an sie, den Träumen, wie es wäre, wenn sie bei mir wären... Das ist unser Tag...

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